Was der Feuerkogel sieht

16. September 2026

Bevor eine Contest-Station auf einen Berg kommt, sollte man wissen, wohin der Berg schaut. Für das Gasthaus Feuerkogelhaus habe ich es ausgerechnet: 360 Peilungen, 800 Kilometer, jeder Gipfel, der im Weg steht — und die Richtung, in der keiner steht.

Dunkle Karte 700 Kilometer um das Feuerkogelhaus mit Staatsgrenzen: für jede Peilung ein Strich bis zum Gelände, das den Horizont bildet — grün nach Norden bis Bayern und Böhmen, bernstein nach Süden nur wenige Kilometer; dazu die Zahlen 294° bis 52° frei, 106° bis 293° zu
1 591 m · JN67UT

Ein UKW-Contest wird nicht am Gerät gewonnen, sondern am Standort. Auf zwei Metern zählt, wie tief die Antenne über den Horizont hinausschauen kann — jedes Zehntelgrad, das ein Berg davor wegnimmt, kostet Reichweite in genau dieser Richtung. Das Gasthaus Feuerkogelhaus auf dem Höllengebirge über Ebensee, 1 591 Meter, JN67UT, ist ein Kandidat für die nächste Saison. Bevor ich mit Mast und Yagi hinauffahre, wollte ich wissen, was der Platz wirklich sieht.

Also habe ich es gerechnet. Nicht geschätzt, nicht von der Karte abgelesen: gerechnet.

Wie

Grundlage ist das SRTM-Geländemodell der NASA mit einem Höhenwert alle dreißig Meter. Von der Position des Gasthauses aus läuft für jedes ganze Grad der Kompassrose ein Strahl nach außen — in den ersten drei Kilometern alle zwanzig Meter abgetastet, weiter draußen alle hundert, bis 500 Kilometer. Für jeden Punkt ergibt sich der Winkel, unter dem er von einer zehn Meter hohen Antenne aus erscheint, die Erdkrümmung mit dem üblichen 4/3-Radius für Funkwellen eingerechnet. Der höchste Winkel entlang des Strahls ist der Horizont in dieser Richtung.

Ein Wert unter null heißt: die Antenne schaut über alles hinweg, das Gelände liegt unter der Waagrechten. Ein Wert über null heißt: dort steht ein Berg in der Sichtlinie. Dazwischen, von −0,3° bis 0°, nenne ich es knapp.

Ein kleines Werkzeug dafür entsteht gerade als Teil meines Contest-Loggers; die Kacheln des Geländemodells hatte der Rechner ohnehin schon geladen. Die Namen der Berge kommen aus der Wikipedia, gesucht nach dem jeweiligen Hindernispunkt.

Rundum

Polardiagramm des Radiohorizonts vom Feuerkogelhaus: von Südost über Süd bis West eine rote Fläche aus Terrain über der Waagrechten, von Nordwest über Nord bis Ost frei

Das Bild ist eindeutig, und es hat zwei Hälften.

Von 294° über Nord bis 52° ist der Horizont frei, dazu von 55° bis 83°. Das Gelände, das ihn dort bildet, liegt 75 bis 172 Kilometer entfernt — Bayerischer Wald, Böhmerwald, Mühl- und Waldviertel, die Voralpen — und bleibt 0,5 bis 0,95 Grad unter der Waagrechten. In dieser Hälfte steht genau ein Berg im Weg: der Traunstein, 10,8 Kilometer, bei 54°, mit +0,26°. Eine zwei Grad breite Kerbe, links und rechts davon ist es sofort wieder −0,7°. Der Kasberg bei 94° macht dasselbe noch einmal, mit +0,25°.

Von 106° über Süd bis 293° ist zu. Das Tote Gebirge, der Dachstein, die Tauern — und vor allem der eigene Berg.

RichtungWas den Horizont setztEntfernungWinkel
106–⁠138°Totes Gebirge: Großer Priel, Feuertalberg, Feigentalhimmel16–29 km+0,7…⁠+1,7°
140–⁠166°Rinnerkogel, Schönberg, Loser12–18 km+0,5…⁠+2,1°
168–⁠180°Schladminger Tauern: Hochwildstelle, Hochgolling52–66 km+0,5…⁠+1,0°
186–⁠198°Dachstein: Gjaidstein, Scheichenspitze, Dirndln37–41 km+1,1…⁠+1,6°
200–⁠216°Radstädter Tauern, Ankogel, Goldberggruppe mit Sonnblick und Hocharn72–103 km+0,3…⁠+0,8°
218–⁠248°Kranabethsattel, Großer Höllkogel0,7–4 km+1,2…⁠+3,8°
250–⁠278°Alberfeldkogel0,6–1,3 km+3,3…⁠+5,7°
280–⁠292°die Feuerkogel-Kuppe neben dem Haus0,3 km+0,6…⁠+3,4°

Der größte Störer ist keiner der großen Namen. Es ist der Alberfeldkogel, 600 Meter vom Haus entfernt, mit fast sechs Grad — und die Kuppe des Feuerkogels selbst, 300 Meter neben der Terrasse. Alles, was dahinter liegt, kann man vergessen: der Großglockner stünde mit +0,73° eigentlich über der Waagrechten, aber in seiner Peilung steht der Kranabethsattel-Kamm des Höllengebirges mit +2,2° davor. Der Watzmann, der Hochkönig, der Großvenediger: dasselbe Schicksal. Zugspitze, Marmolata, Ortler, Bernina, Mont Blanc liegen ohnehin unter dem Horizont.

Der Platz

Lageplan des Platzes am Feuerkogelhaus aus dem Laserscan mit Orthofoto: Höhenlinien alle zwei Meter, die drei Mastplätze und die Strahlrichtungen

Das Gelände der ersten 136 Meter rund um den Platz kommt aus dem Laserscan des BEV mit vier Meter Raster — Bäume, Gebäude und Kuppen inbegriffen. Der Boden am Mast liegt bei 1594,0 Metern.

AntennenhöheRichtungen, die das Nahfeld sperrt
6 m57°
8 m43°
10 m24°
12 m17°
15 m5°

Auch mit zehn Metern Mast sperrt das Nahfeld noch 24 Grad — das ist zusätzlich zu dem, was der Fernhorizont ohnehin zumacht.

Die Karte

Reliefkarte 180 Kilometer um das Feuerkogelhaus, für jede Peilung ein Strahl bis zu dem Gelände, das den Horizont bildet — grün nach Norden bis weit nach Bayern und Böhmen, rot nach Süden nur wenige Kilometer weit

Jeder Strich ist ein Grad. Nach Norden laufen die grünen Striche bis zum Bayerischen Wald und zum Böhmerwald, weil dort erst etwas kommt, das den Horizont bildet. Nach Süden hören die roten nach zwölf, zwanzig, vierzig Kilometern auf — und nach Westen nach ein paar hundert Metern.

Bis 700 Kilometer

Die Frage kam auf, ob weiter draußen noch etwas stört: der Harz, das Erzgebirge, die Tatra. Die Antwort steckt in der Erdkrümmung. Mit dem 4/3-Radius liegt der Boden in 500 Kilometern 14,7 Kilometer unter der Waagrechten, in 800 Kilometern 37,7 Kilometer. Kein Berg Europas kommt da hinauf. Jenseits von rund 250 Kilometern kann nichts mehr über den Horizont ragen — und tatsächlich ist der fernste Störer, der es noch schafft, die Goldberggruppe in 103 Kilometern.

Karte um das Feuerkogelhaus mit Staatsgrenzen, zwischen 200 und 700 Kilometer Radius: für jede Peilung ein Strich bis zum Gelände, das den Horizont bildet — grün, wo es unter der Waagrechten bleibt, bernstein, wo Terrain darüber steht
Radius 200 km

Die Karte lässt sich mit Plus und Minus von 200 auf 700 Kilometer aufziehen — der grüne Fächer nach Norden wächst dabei nicht mit, weil der Horizont dort nun einmal bei 75 bis 172 Kilometern liegt. Der bernsteinfarbene Fächer nach Westen ist das Gegenteil: dort liegt der Horizont 300 Meter bis 4 Kilometer vom Haus — ein Strich dieser Länge wäre auf der Karte unsichtbar, deshalb sind verdeckte Richtungen auf mindestens sechs Prozent des Radius gezogen. Was die Karte damit zeigt, ist nicht die Entfernung, sondern dass dort zu ist. Auf der Übersicht bis 800 Kilometer stehen 78 Gebirge und Gipfel mit ihrem Winkel: Riesengebirge −1,2°, Hohe Tatra −1,55°, Harz −1,7°, Eifel −2,0°, Apuseni −2,3°. Alle unter der Waagrechten, alle unsichtbar. Zwei Ausreißer hat die Rechnung erst in der Nachprüfung geliefert: der Hochgolling (177°, 61 km, +0,98°) und die Hochalmspitze (199°, 95 km, +0,75°) ragen tatsächlich über den Horizont — ihre Gipfel lagen genau zwischen zwei der Grad-Strahlen. Nach Süden ändert das nichts, dort ist ohnehin zu.

Beide Karten als PDF, zum Hineinzoomen und Ausdrucken: Zoom 180 km mit allen Bergnamen und Übersicht 800 km mit der nummerierten Liste.

Die Stationen

Dunkle Karte 700 Kilometer um Feuerkogelhaus, jede Contest-Station ein Punkt: hell, wo der Horizont frei ist, bernstein dahinter; dazu die sechs Rotorstellungen der Anlage

Von den 2 130 Stationen, die in den Logs bis 700 Kilometer auftauchen, stehen 1 302 über dem Horizont — Deutschland 588 von 699. Das ist die Obergrenze: mehr kann keine Antenne herausholen, egal wie groß sie ist.

Die Zahl hat aber zwei Hälften. Wirklich frei — der Horizont liegt mehr als drei Zehntelgrad unter der Waagrechten — sind 1 269 Stationen, davon 588 in Deutschland. Die übrigen 33 liegen knapp: zwischen −0,3° und null, also im Streifschatten einer Kante. Dort geht etwas, aber mit Verlust — drei bis acht Dezibel, je nach Tag. Der Beitrag nennt beide Zahlen, weil nur beide zusammen den Platz beschreiben. Von den 154 Grad, die frei sind, kommen 13 Grad knappe dazu.

Die Anlage

Blatt „Die Antennenanlage“: Polardiagramm der Stationen bis 500 Kilometer um Feuerkogelhaus, je zehn Grad als Balken nach Land gestapelt, dazu die drei Stellungen des DL-Stacks und die drei des Rotor-Stacks

Gerechnet ist überall dieselbe Anlage wie am Stuhleck, mit drei Masten:

Die Stellungen sind nicht geraten, sondern gesucht: Für Feuerkogelhaus fallen sie auf 338° / 306° / 0° am DL-Stack, 50° / 82° / 20° am Rotor-Stack und 94° für die festen Tonnas.

Gespeist wird über einen Umschalter. Liegen die vollen 1 000 Watt auf dem System, auf dem gerade gearbeitet wird, und drehen die beiden Rotoren über den Contest, kommt die Anlage auf 1 302 Stationen (Deutschland 588, nach der DARC-Liste 1 056). Teilt man die Leistung auf die beiden Rotor-Stacks, also 500 Watt je Stack, sind es 998; mit nur drei festen Stellungen je Rotor 1 258; auf alle drei Systeme zugleich verteilt nur noch 782 — drei Richtungen kosten mehr Leistung, als sie an Fläche bringen. Der Tonna-Mast allein steuert 4 Stationen bei, die ohne ihn fehlen würden.

In drei Dimensionen

Ziehen dreht, das Rad zoomt. Die Städte stehen auf einem Ring in Antennenhöhe; hell heißt frei, grau verdeckt. Im Vollbild öffnen

Die Szene zeigt den Gipfel so, wie der Laserscan ihn kennt: Gasthaus, Christophorushütte, Kapelle und Bergstation mit ihren gemessenen Höhen, darauf das Orthofoto. Die Masten und Keulen gehören zur Antennenanlage, die im Beitrag Zweimal zwei Yagis gerechnet ist; hier sieht man vor allem, wohin der Feuerkogel frei schaut — nach Norden über das Flachland — und wo das Höllengebirge den Süden zumacht.

Der Vergleich

Balkendiagramm aller Standorte der Reihe mit derselben Anlage: je Standort ein Balken der erreichbaren Stationen, nach Ländern gestapelt

Alle Standorte dieser Reihe mit derselben Anlage, derselben Zählregel und denselben Logs — nur so sind die Zahlen vergleichbar. Erreichbar heißt: Horizont unter der Waagrechten und genug Gewinn für die Entfernung (6 dBi bis 300 km, danach 3 dB je weitere 100 km), bei 1 000 Watt auf dem System, mit dem gerade gearbeitet wird. Beide großen Antennen hängen am Rotor — gezählt wird deshalb, was über den ganzen Contest erreichbar ist, nicht was eine feste Stellung gerade abdeckt.

Gezählt wird auf den IARU-Logs 2024/2025 und dem Marconi 2025: die erfassen jedes Land gleich. Die DARC-Liste deckt nur Deutschland ab — sie steht als eigene Spalte daneben, sonst gewinnt jeder Standort, der nach Westen schaut, allein durch die Datenlage.

StandorterreichbarDeutschlandDARC-Liste≤ 500 kmZugang
Stuhleck · 1 770 m1 549326569962Auto bis oben
Traisner Hütte · 1 304 m1 482569988877Sessellift, dann zu Fuß
Grünberg · 989 m1 4177001 271826Seilbahn, Gasthaus
Feuerkogelhaus · 1 591 m1 3025881 056726Seilbahn, Gasthaus
Braunsberg · 337 m1 172454814740Auto bis oben
Gaisberg · 1 272 m1 0556281 199618Auto bis oben
Hochkar · 1 478 m438321559247Auto bis oben
Loser · 1 585 m0000Auto bis oben

Feuerkogelhaus steht damit auf Platz 4 von 8.

Wer die älteren Beiträge dieser Reihe kennt, findet dort andere Zahlen: Die wurden mit der ersten Bestückung gerechnet — ein Yagi-Stack und ein Vierfachquad-Stack mit 69° Keulenbreite. Seit die Wahl auf zwei schmale 12JXX2-Stacks gefallen ist, verschiebt sich die Reihenfolge: Mehr Gewinn, weniger Breite bevorzugt die Standorte, deren Stationen in einer Richtung gebündelt liegen, und kostet die, die rundum offen sind. Die festen Tonnas auf Mast 3 holen einen Teil dieser Breite zurück.

Die Daten

StandortFeuerkogelhaus — Gasthaus im Höllengebirge
Koordinaten47,81581 N / 13,72151 O · 1 591 m · JN67UT
ZugangSeilbahn, Gasthaus am Platz
Horizont frei294°–52°, 55°–92°, 96°–105°
Grad frei / knapp / zu154° / 13° / 193°
Stationen ≤ 700 km1 269 frei, 33 knapp, von 2 130
Deutschland (IARU)588 frei, 0 knapp, von 699
Deutschland (DARC-Liste)1 094 unter der Waagrechten von 1 319
Anlagedrei Masten · Mast 1 10 m (2 × 12JXX2 auf 6,9/9,7 m, Rotor) · Mast 2 7 m (2 × 12JXX2 auf 3,9/6,7 m, Rotor) · Mast 3 7 m (2 × 9-el-Tonna auf 3,9/6,7 m, fest)
StellungenDL-Stack 338° / 306° / 0° · Rotor-Stack 50° / 82° / 20° · Tonna fest 94°
umgeschaltet · 1 000 W1 302 · ≤ 500 km 726 · DL 588 · mit drei festen Stellungen je Rotor 1 258
geteilt · je 500 W998 · ≤ 500 km 726 · DL 420
alle drei zugleich · je 333 W782 · ≤ 500 km 719 · DL 312
ohne den Tonna-Mast1 254 statt 1 258
Σ Kilometer588 859 km
mit strengem Maßnur Richtungen unter −0,3°: 933 · ≤ 500 km 701 · DL 406

Was das heißt

Für einen Contest zählt, wo die Gegenstationen sitzen — und die sitzen zum größten Teil in Deutschland. Von Franken über Nordrhein-Westfalen bis Berlin und Sachsen ist der Horizont vom Feuerkogelhaus aus so frei, wie er auf einem Berg nur sein kann: Nürnberg −0,9°, Köln −0,9°, Erfurt −0,8°, Berlin −0,6°, Passau −1,0°.

Der wunde Punkt liegt bei 281° bis 292°: München, Stuttgart, Rosenheim. Genau dort steht die Feuerkogel-Kuppe vor dem Haus. Die Rechnung zeigt aber auch den Ausweg: 200 bis 300 Meter westlich, oben auf der Kuppe — 1 610 Meter — sind München (−0,35°) und Stuttgart (−0,88°) offen, ohne dass nach Norden etwas verloren geht. Rosenheim und das Allgäu bleiben hinter dem Alberfeldkogel, das gibt der Berg nicht her.

Vorbehalt

Das ist eine Rechnung, keine Messung. Das Geländemodell kennt weder Bäume noch Gebäude noch den Sendemast der Bergstation, es hat dreißig Meter Raster, und die Ausbreitung nimmt die Standardatmosphäre an — ein Tropo-Abend rechnet anders. Was die Rechnung sicher sagt: wohin man nicht einmal versuchen muss, und wohin sich jedes Dezibel lohnt.

Der Rest wird gemessen — oben, mit Antenne.

73 · OE5SOS